Wunderblock .Salon für Kunst & Visuelle Kultur

Kuratiert von Dieter Jüdt, Falk Nordmann, Andreas Rauth, Marc Schweska

»Zwischen unserem Bildkonsum und unserer Bildreflexion tut sich derzeit eine Schere auf.
Es ist paradox, dass wir mitten im iconic turn stehen, aber für den kritischen Umgang mit Bildern
keine analytischen Fähigkeiten besitzen.« Hans Belting 1)Hans Belting: »Echte Bilder und falsche Körper. Irrtümer über die Zukunft des Menschen«, in: Christa Maar/Hubert Burda (Hg.): Iconic Turn. Die neue Macht der Bilder, Köln: Dumont 2004, S. 354

Im September 2012 haben Dieter Jüdt, Falk Nordmann und Andreas Rauth die Veranstaltungsreihe JITTER’s WUNDERBLOCK. Gespräche über Bilder gestartet, die seitdem in unregelmäßigen Abständen stattfindet. Im Winter 2014 verstärkte Marc Schweska das Team. Nach dem Muster literarischer Salons diskutieren wir Bilderthemen quer zu allen Genres, Disziplinen und Zeiten. Entweder laden wir dazu einen Gastexperten ein – Künstler oder Wissenschaftler – oder stellen selbst ein Thema vor.

Vor dem Hintergrund einer Auffassung vom Menschen als bildbegabtes Wesen wird der Bildbegriff möglichst umfassend in seinen identitätsstiftenden, künstlerischen und gesellschaftlichen Aspekten behandelt. Denn in durchästhetisierten spätkapitalistischen Gesellschaften wie der unsrigen übernehmen Bilder über den Bereich der Kunst hinaus eine wichtige Funktion in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Die Wege der Wirklichkeitsaneignung und der Wirklichkeitskonstruktion führen gleichermaßen über Bilder, wenn auch nicht ausschließlich.

Gegenüber Bildern eine (kritische) Haltung zu entwickeln, ist eine Herausforderung, die an jeden ergeht. Daher sind Fragen und Anmerkungen des Publikums während des Gesprächs stets willkommen. Der fehlende institutionelle Rahmen bietet die Gelegenheit zum offenen Dialog in entspannter Atmosphäre. Mit Jitter’s Wunderblock wollen wir Einsichten in unsere Gesellschaft als Bildkultur fördern und zum kritischen Umgang mit Bildern beitragen, ohne dabei die Bilderlust aus den Augen(!) zu verlieren.

Der Name »Wunderblock«

… bezieht sich auf Sigmund Freuds Text »Notiz über den ›Wunderblock‹ (1924), in dem er das Gedächtnis, bestehend aus dem System Wahrnehmung–Bewusstsein und dem Unbewussten, mit einer Schreibtafel für Kinder, dem sogenannten »Wunderblock« vergleicht. Dieser besteht aus einer Wachstafel (Unbewusstes) und einem darüber befindlichen Doppelblatt aus Zelluloid (obere Lage, Wahrnehmung) und Wachspapier (untere Lage, Bewusstsein). Die Tafel kann an der Oberfläche immer wieder überschrieben werden, während sich in der Tiefe dauerhafte Spuren sämtlicher Eindrücke über die Zeit ablagern.

Unsere Erinnerungen bestehen zum großen Teil aus Vorstellungsbildern, denen Eindrücke der äußeren Welt und bereits in Bildform vorliegende Interpretationen davon zugrundeliegen. Bilder als Objekte basieren auf Vorstellungsbildern – aber auch umgekehrt. Vorstellungsbilder basieren auf Wahrnehmungen der äußeren Welt (und deren Repräsentation als materielle Bilder) sowie der Imagination (Einbildungskraft). Bilder sind somit Voraussetzung als auch Ergebnis von Repräsentation.
Es gibt zudem einen regen intertextuellen und intermedialen Austausch: Bilder als Objekte beziehen sich auf andere Bilder insofern als in ihnen palimpsestartig frühere Bilder in Form von Motiv, Zitat oder Pastiche aufscheinen (intertextuell), die dem individuellen oder kollektiven Gedächtnis entstammen. Dabei können auch Sprachbilder in visuellen Bildern verarbeitet werden und umgekehrt (intermedial).
Mit dem Modell des »Wunderblocks« werden also wichtige, die Bildproduktion sowie unsere bildbasierte Vorstellung von der Wirklichkeit betreffende Prozesse metaphorisch bezeichnet.

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